Deutscher Radiopreis 2020: Die Gewinnerinnen und Gewinner

am

Die Gewinnerinnen und Gewinner des Deutschen Radiopreises 2020 stehen fest. Am Donnerstagabend (10. September) sind in Hamburg die besten Radiomacherinnen und -macher sowie herausragende Hörfunkproduktionen öffentlich-rechtlicher und privater Radiosender in zehn Kategorien ausgezeichnet worden. 138 Programme hatten sich mit insgesamt 432 Einreichungen am Wettbewerb beteiligt, der in diesem Jahr zum elften Mal ausgelobt wurde. Gefeierte Künstler wie Katie Melua, Tim Bendzko, Milow, Michael Patrick Kelly sowie Stefanie Heinzmann, Kelvin Jones, Lotte und Sasha vom Bandprojekt „WIER“ und Mitglieder der NDR Radiophilharmonie sorgten mit ihren Auftritten für einen glanzvollen Abend. Ulrike Folkerts, Bülent Ceylan, Anna Loos, Sara Nuru, Falco Punch gratulierten u. a. den Ausgezeichneten, die eine unabhängige Jury des Grimme-Instituts ausgewählt hatte. Mit einem Sonderpreis würdigte der Beirat des Deutschen Radiopreises Prof. Dr. Christian Drosten, Leiter der Virologie an der Berliner Charité.

Und das sind die Preisträgerinnen und Preisträger (mit Begründungen der Jury):

Beste Comedy

planet Radio, Parshad Esmaeili, „Frag Parshi“

Parshad Esmaeili kreiert und verantwortet mit „Frag Parshi“ eine brillante Radio-Comedy am Puls der Zeit. Dafür nimmt sie sich typischen Fragen aus dem Alltag ihrer jungen Hörer*innen an und geht ihnen mit sprachlicher Spielfreude, rasantem Schnitt, einem selbstbewussten weiblichen Blick und einer großen Portion Selbstironie auf den Grund. Daraus entsteht ein etwas anderer „Lifestyle Ratgeber“ – und der besticht durch Wortwitz und Situationskomik, durch Authentizität und absolute Augenhöhe mit ihrem Radio-Publikum. Von dieser Entertainment-Persönlichkeit – dessen ist sich die Jury sicher – werden wir noch viel hören.

Beste Innovation am Morgen

ENERGY Stuttgart, Vince Schuster und Dennis Strobel, „ENERGY Hood Hop“

Der „Energy Hood Hop“ gibt einen neuen Impuls für die Primetime des Radios. Im Mittelpunkt steht, was in zahlreichen Morgenshows geboten wird: Themen und Ereignisse mit Gesprächswert aus der Nachbarschaft. Doch in dieser Reihe werden sie ungewöhnlich präsentiert: künstlerisch, auf spielerische Art und Weise. Aufmerksamkeit generierende Hip-Hop Songs. Witzig, unterhaltsam, mit Suchtgefahr.

Beste Moderation

Sinah Donhauser, Radio Hochstift

Sinah Donhauser ist jeden Morgen präsent. Mit dieser Moderatorin steht man gerne auf. Nicht nur weil sie Lust auf den Tag macht, sondern weil sie hörbar ihre Hörer*innen mag und ernst nimmt. Spontan, direkt und kompetent. Sinah Donhauser kann das auch ohne vorgefertigtes Sendungskonzept, wenn ein Lockdown das Land lahmlegt.

Beste Programmaktion

105`5 Spreeradio, Yvonne Fricke und Nicole von Wagner, „105`5 Spreeradio kämpft für Berliner Vereine“

„Viel Amt und wenig Ehre“ heißt es oft vom Ehrenamt und immer öfter brauchen Helfende selbst Unterstützung für ihre wichtige und unsere Gemeinschaft stabilisierende Arbeit. Viele Vereine sind durch die Corona-Krise in eine unverschuldete Existenznot geraten. Die Programmaktion „105’5 Spreeradio kämpft für Berliner Vereine“ setzt genau dort an und seit Jahren auf eine sich helfende Stadtcommunity. Dabei entsteht neben der Hilfe für Vereine und der Information über die vielfältige ehrenamtliche Arbeit in der Stadt, eine herausragende Interaktion zwischen Programmmacher*innen, Hörer*innen und Stadtpolitik. Das kann gar nicht hoch genug geschätzt werden.

Beste Reportage

MDR AKTUELL, Kornelia Kirchner, Der 9. November 1989 – Protokoll eines historischen Tages

MDR-Journalistin Kornelia Kirchner schildert den 9.November 1989 30 Jahre später als Stundenprotokoll und fasst die Ereignisse in 53 Minuten und 14 Sekunden zusammen. Das Ergebnis ihrer tiefen Recherche, Archivarbeit und Experteninterviews ist eine fesselnde Biographie eines der denkwürdigsten Tage der deutschen Geschichte. Der Autorin gelingt es dabei, konsequent Distanz zu waren. Der Stoff ist ein Drama. Er muss nicht dramatisiert werden. Exzellente Recherche, die Form des Stundenprotokolls, die Mischung aus historischem Material und Einordnung des Geschehens machen die MDR-Reportage zu einer hörenswerten, preiswürdigen Produktion.

Beste Sendung

egoFM, Sandra Gern, „Chelsea Hotel“

Anlässlich des 30. Jahrestags des Mauerfalls öffnet das Musikmagazin Chelsea Hotel in dieser Ausgabe gleich mehrere Türen, hinter die wir sonst nur selten blicken: Zentrale Künstler der deutschen Indie-Rock/Pop-Szene berichten über die Musikszene der DDR, machen Geschichte greifbar, sind nah an den Zuhörenden. Das Chelsea Hotel in New York war Zufluchtsort für Kreative, ein Refugium für Künstler und Exoten. Beim Chelsea Hotel auf egoFM ist es ähnlich: Es ist ein Kleinod, das nicht nur für Unterhaltung sorgt, Chelsea Hotel weckt Lust auf ein Musikgenre, das im Radio eher selten zu hören ist. Sandra Gern zeigt zudem, dass Musikmoderation lässig und zugleich faktenbasiert sein kann.

Beste*r Newcomer*in

Anh Tran, Deutschlandfunk

Anh Tran nimmt die Hörer*innen mit in ihre Heimatstadt Dresden. Die Reporterin sucht Antworten auf Fragen, die sie auch persönlich berühren: Wie steht es um die demokratische Kultur in der AfD-Hochburg? Was bedeutet es, „Fidschi“ genannt zu werden? Anh Tran ist in Dresden aufgewachsen, ihre Mutter kam aus Vietnam. Sie erzählt lebendig und authentisch, so gelingt eine Reise in die innere Verfassung einer Stadt, auf die blickt, wer die Entwicklung in Deutschland verstehen will.

Bester Podcast

NDR Info, Bastian Berbner und Doreen Strasdas, „Hundertachtzig Grad – Geschichten gegen den Hass“

Mit „Hundertachtzig Grad – Geschichten gegen den Hass“ wird in diesem Jahr eine bemerkenswerte Audio-Produktion von NDR Info mit dem Deutschen Radiopreis in der Kategorie „Bester Podcast“ ausgezeichnet. Der Autor Bastian Berbner transportiert mit geschickt gestellten Fragen und ohne erhobenen Zeigefinger Lehrstücke in Sachen Menschlichkeit mit hohem Wiedererkennungswert. Emotional, berührend, mit einer gewissen Leichtigkeit trotz der schweren und komplexen Thematik. Ein Podcast, der das Prädikat „Herausragend“ verdient hat!

Bestes Interview

Deutschlandfunk, Philipp May, „Informationen am Morgen“

Am 15. Mai 2020 beschließt der AfD-Bundesvorstand, Andreas Kalbitz aus der Partei auszuschließen. Co-Sprecher Jörg Meuthen stellt sich am 16. Mai, in den „Informationen am Morgen“ den Fragen von Philipp May. Der Deutschlandfunk-Moderator hat acht Minuten. Er formuliert derart reaktionsschnell, präzise und auch locker, dass Meuthen sagt, was Hörerinnen und Hörer in dieser brisanten Sache wissen sollten. Es gelingt weit über dem erwartbaren Radiojournalismus ein erstklassiges, tagesaktuelles, politisches Interview.

Bestes Nachrichten- und Informationsformat B5 aktuell (BR), Barbara Kostolnik und Steffen Jenter, „Thema des Tages: Viele bunte Nullen“

Der Beitrag „Viele bunte Nullen“ von Barbara Kostolnik schafft es in unter acht Minuten die Haushaltswoche im Bundestag so unterhaltsam aufzubereiten, dass selbst viele Politik-Muffel unbedingt bis zum Ende zuhören wollen. Ihr Beitrag zeichnet sich durch viele Details aus: die Beschreibung der Livrees der Saaldiener*innen, die ostentantiv gelangweilten Schüler*innengruppen. Das macht ihn so gut. Die präzise Sprache, die immer einen leicht ironischen, fast frechen Unterton hat, und das Spielen mit dem Bild der „Null“ zeigen, dass Barbara Kostolnik ihr Handwerk und vor allem die Politik versteht.

Stifter des Deutschen Radiopreises sind die Hörfunkprogramme der ARD, Deutschlandradio und die privaten Radiosender in Deutschland. Gesellschafter sind die Radiozentrale – eine gemeinsame Plattform privater und öffentlich-rechtlicher Sender zur Stärkung des Hörfunks – und die NDR Media, die Vermarktungsgesellschaft des NDR. Zu den Kooperationspartnern zählen das Grimme-Institut, die Freie und Hansestadt Hamburg sowie die Radio-Vermarkter AS&S Radio und RMS. Die Federführung liegt beim Norddeutschen Rundfunk (NDR).