Hagener AMIS DE MONTLUCON erleben Städtepartnerschaft mit Gänsehautgefühl

Freie Delegation besucht französische Partnerstadt zum Nationalfeiertag und WM-Sieg

Sven Söhnchen | Das deutsche Wochenmagazin DIE ZEIT führte kürzlich ein Interview mit dem britischen Musiker Damon Albarn (Blur / Gorillaz) in dem er zu seinen Deutschkenntnissen antwortet, dass er diese dem Schüleraustausch seiner Heimatstadt mit Wetzlar zu verdanken hat. „Die Idee mit den sogenannten Partnerstädten mag einem vielleicht lachhaft und antiquiert erscheinen, aber ich finde sie nach wie vor großartig. Diese Art von kulturellem Austausch hält Europa zusammen, wenn uns die Gemeinsamkeiten abhandenkommen, fliegt uns die EU um die Ohren“, so Albarn.

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Die Hagener AMIS DE MONTLUCON mit dem Bürgermeister der Partnerstadt Montlucon, Frederic Laporte (3. von links, erste Reihe) und dem französischen Motor der Städtepartnerschaft, Jean Francois Guers (ganz rechts)

Diese Aussage kann auch der Hagener Thomas Köhler unterschreiben. Selber als Jugendlicher im Genuss vom Schüleraustausch der damaligen Realschule Boele/Altenhagen mit dem „College Jean Zay“ in Montlucon gekommen, erinnerte er sich als ehrenamtlicher Fußballtrainer im Dienste vom Polizei-Sport-Verein an diese Zeit. Er knüpft Kontakte innerhalb der agilen Sportszene und begleitet mittlerweile seit Jahren eine Jugendmannschaft zum Pfingstturnier in die französische Partnerstadt. Unzählige Kontakte sind hier in den Jahren gewachsen – unter anderem auch zu Jean Francois Guers, der ebenfalls seine eigene Geschichte als Kind der Städtepartnerschaft hat. Bei dem sympathischen 46jährigen Franzosen ist der Begriff geradezu wörtlich zu nehmen – in den Anfängen der Freundschaft zwischen Hagen und Montlucon verliebte sich die fechtende Mutter in Hagen in den charmanten Sportler aus Zentralfrankreich und folgte ihm von der Volme an den Cher. Inoffiziellen Vermutungen zufolge entstand mit dem Sohn das erste Kind dieser lokalen Völkerverständigung.

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Rainer Winkler, Thomas Köhler & Frederic Laporte feiern den französischen Sieg bei der Fußballweltmeisterschaft.

Köhler und Guers sind im regelmäßigen Austausch und werden, dank ihres jeweiligen Einsatzes, auch von den Kommunen weitestgehend unterstützt. Man vermittelt bei privaten Unterkünften, Praktikumsstellen oder Dolmetscherhilfen.

Neben der Teilnahme an dem Pfingstturnier mit den jugendlichen Kickern organisiert Köhler, der dabei  von seinem PSV-Kollegen Rainer Winkler unterstützt wird,  in seiner Freizeit eine jährliche Gruppenfahrt zum französischen Nationalfeiertag, der im Nachbarland am 14. Juli begangen wird. Die organisierten Hotelzimmer zahlt jeder Teilnehmer selber und die Kosten für Kleinbusse, die von Teilnehmern selber gefahren werden, teilen sich durch die Mitfahrenden. Ein geringer Aufwand für eine gute Tat –  im Namen des europäischen Grundgedankens.

Es handelt sich bei den Begegnungen schon lange nicht mehr um reine Schüleraustauschveranstaltungen. Die diesjährige fast 20köpfige Delegation bot ein buntes Potpourri der Hagener Bevölkerung: Studenten, Musiker, Rentner, Künstler, Lokalpolitiker, Ehepaare, Singles. Teilweise kannte man sich bereits im Vorfeld aus unterschiedlichen Zusammenhängen oder man lernte sich vor Ort in Montlucon kennen. Auch dieses Kennenlernen öffnet den Blick auf die gegenseitige Bereitschaft, neue Perspektiven zu erleben.

Auf  Einladung der Stadt Montlucon gab es für die Hagener am Nationalfeiertag nicht nur ein, zwei Gläser Champagner, sondern auch ein Abendessen, nachdem man zuvor an dem Procedere der offiziellen Feierlichkeiten teilgenommen hat. Vielleicht sind den Hagener Gästen nicht alle militärischen Ehren im Nachbarland geläufig – aber der Respekt, der an diesem Tag allen Uniformierten des Landes entgegengebracht wird, lässt  bestimmt das eigene Verhältnis zu den Rettungskräften in der Heimat überdenken.

Nach dem Essen lud Gastgeber Jean-Francois Guers spontan die Hagener auf das Dach des Hochhauses, in dem auch seine Wohnung liegt. So war man geradezu auf Augenhöhe mit dem atemberaubenden Feuerwerk, mit dem Montlucon den Nationalfeiertag beendete. Hier werden die Gäste ebensolche Gänsehautmomente in Erinnerung halten, wie bei dem anschließenden „Einbruch“ mit Montlucons Bürgermeister Frederic Laporte auf den Turm seines kommunalen Chateaus. Dieser Turm ist erst wenige Tage zuvor als Aussichtsplattform eröffnet worden – den nächtlichen Blick über Hagens Partnerstadt konnte man bisher nur selten erleben. Auch der Bürgermeister hatte übrigens keinen direkten Zugang zum Schloss, sodass man mit ihm erst einmal auf das Schlossgelände über ungewöhnliche Pfade klettern musste. Einige Franzosen waren kurzzeitig irritiert, als sie ihr Stadtoberhaupt auf jenen Pfad entdeckten, der auch ihnen den nicht ganz offiziellen Zugang zum Blick über ihre Heimatstadt ermöglicht hatte.

Gleich am nächsten Tag gab es noch einen weiteren Gänsehautmoment: Frankreich wurde durch einen Sieg gegen Kroatien bei der Fußball-WM in Russland Weltmeister. Ob beim Public-Viewing in praller Nachmittagssonne mit über 3000 Franzosen auf dem Schlosspatz oder in einer kühleren Bar im Ortskern, fieberten die Hagener mit dem Gastland und waren von den Feierlichkeiten anschließend höchst überrascht: Bengalos in Landesfarben, Partystimmung in den Gassen der Altstadt und auf den zentralen Plätzen. Fazit: die Menschen in unserer französischen Partnerstadt verstehen zu feiern.

Den darauffolgenden Montag nutzten die Hagener für die Erkundung der Umgebung: Vichy, Clermont-Ferrand oder Neris-les-Bains bieten sich für Besichtigungen an, bevor es am nächsten Morgen auf die Heimreise ging.

Viele Eindrücke haben die Hagener mitgenommen. Einige Delegationsmitglieder waren zum ersten Mal in Montlucon – laut eigener Aussage aber nicht zum letzten Mal.

Auch für Jean Francois Guers gab es einen Gänsehautmoment. Er erhielt von seinem Freund Thomas Köhler ein Exemplar des Städtepartnerschaftsringes aus der Hagener Goldschmiede Adam.  Guers ist nunmehr erst der vierte Franzose, der dieses besondere Schmuckstück trägt.

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